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Bildung

Es ist beinahe 150 Jahre her, seit in der Schweiz die Schulpflicht eingeführt wurde (Bundesverfassung 1874, Art. 27). Damals wollte der Staat verhindern, dass Kinder zuhause arbeiten und dadurch auf Bildung verzichten müssen.

Offiziell ging es darum, Analphabetismus zu verringern, Armut zu bekämpfen, Kinder zu mündigen Bürgern zu machen und die nationale Einheit zu stärken.

Etwas kritischer betrachtet, diente die Schulpflicht aber auch der Kontrolle. Was damals dringend gebraucht wurde, waren Anpassung, Ordnung, Disziplin und Gehorsam – Tugenden, die für Armee, Verwaltung und Industrie notwendig waren. Der Staat wollte aus Bauernkindern verlässliche Bürger und fleissige Arbeiter machen.

Nach den revolutionären Bewegungen in Europa (1789–1848) fürchteten die Regierungen ungebildete, leicht aufhetzbare Massen. Man glaubte: Wer lesen, schreiben und rechnen kann, lässt sich rationaler führen – und neigt weniger zu Aufruhr. Die Schulpflicht wurde also auch eingeführt, um das Volk politisch zu befrieden.

Im 19. Jahrhundert ging es zudem um Macht: Wer erzieht die Kinder – Kirche oder Staat? Mit der Schulpflicht entzog der Staat der Kirche langsam das Bildungsmonopol.

Die Schulpflicht hatte also eine doppelte Natur: Bildung als Menschenrecht, als Schlüssel zu Freiheit und Selbstbestimmung – und Bildung als Werkzeug, um Gesellschaft zu steuern und zu stabilisieren.

Doch was bedeutet Schule heute?

Nicht erst seit der Entwicklung künstlicher Intelligenz, die das Bildungssystem tiefgreifend verändern wird, sind Verantwortliche überfordert. Seit Jahrzehnten versucht man, die Schule immer wieder neu zu reformieren und sie dem Zeitgeist anzupassen. Engagierte Pädagoginnen und Pädagogen scheitern an starren Strukturen, und vielen Politikerinnen und Politiker fehlt es am Verständnis dafür, dass Schulen den Herausforderungen unserer Zeit längst nicht mehr gewachsen sind.

HUMAN21. möchte die Diskussion anregen, wem die Schule eigentlich dient. Wenn Leistung und Erfolg zu den obersten Prinzipien werden, dann dient sie dem Kapitalismus – nicht dem Wohl des Kindes.

Dass dieses Wohl heute zunehmend gefährdet ist, zeigt sich deutlich: Immer mehr Kinder erhalten Therapien oder Medikamente, um im System bestehen zu können.

Bildungsverantwortliche fragen sich: Was ist nur mit unseren Kindern los?
HUMAN21. ist überzeugt, dass das die falsche Frage ist.

Kinder reagieren. Sie werden zu Symptomträgern einer Gesellschaft, die selbst aus dem Gleichgewicht geraten ist. Viele Eltern sind überfordert, erschöpft oder emotional abwesend – und können den Bedürfnissen ihrer Kinder kaum noch gerecht werden. So erleben wir zunehmend Kinder, die gar nicht mehr “schulfähig” sind.

Doch was bedeutet schulfähig überhaupt? Wie sollte sich ein Kind zuhause fühlen, damit es sich wirklich auf die Schule einlassen kann?

Geliebt, geachtet, gewürdigt, umsorgt, entspannt, ausgeschlafen, gesund ernährt und sicher gebunden.

Wenn Kinder hingegen missachtet, gestresst, unbeaufsichtigt, übernächtigt, schlecht ernährt und unsicher gebunden sind, kann Schule kaum gelingen. Lehrpersonen sollen dann kompensieren, was Familien nicht mehr leisten können – und scheitern oft daran.

Erschwerend kommt hinzu, dass Schulen an der Zeit vorbei lernen. Sie reagieren auf Lehrpläne, statt auf Lebensrealität.

Pädagogische Hochschulen orientieren sich an Erziehungswissenschaft und Hirnforschung – was wichtig ist –, bereiten aber ungenügend darauf vor, was junge Lehrpersonen in der Praxis antreffen: Überlastete Kinder, überforderte Eltern, komplexe soziale Dynamiken.

Dafür braucht es nicht nur Fachwissen, sondern Resilienz, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit. Ohne diese Fähigkeiten fallen junge Lehrer*innen zwischen Stuhl und Bank – entmutigt und enttäuscht. Der zunehmende Lehrkräftemangel zeigt deutlich, dass dieser Beruf an Attraktivität verloren hat.

HUMAN21. beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Wenn die öffentliche Schule politisch nicht besser geschützt und unterstützt wird, droht sie in den kommenden Jahren zu scheitern.

Unterstützung brauchen aber auch Eltern – damit sie ihre Kinder so begleiten können, dass Lernen wieder gelingt. Denn Schule ist kein Ort, an dem nur Wissen vermittelt wird.

Sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft – und ihr Zustand zeigt, wie es um unsere Menschlichkeit steht.